
Nach der Silvesternacht mit mindestens vierzig Toten versinkt der Walliser Skiort Crans-Montana in Fassungslosigkeit. Reportage aus einem Ort, der trauert.
Immer wieder versagt Ilan Alhour die Stimme. Es ist Donnerstagabend, kurz nach 21 Uhr. Alhour, 26 Jahre alt, will von der Silvesternacht im Walliser Skiort Crans-Montana erzählen. Davon, wie er binnen weniger Stunden mehrere seiner Freunde verloren hat. Und davon, wie er beinahe selbst zum Opfer des Feuers hätte werden können.
Doch die Tränen ersticken seine Worte.
Die Menschen von Crans-Montana haben sich auf einer gesperrten Strasse eingefunden, um gemeinsam zu trauern. Ilan Alhour hat Teelichter angezündet und auf die Erde gelegt. Jedes Mal, wenn eines der Kerzchen Feuer fängt, berührt Alhour mit einer Hand den eisigen Boden. Er hält inne, starrt in die Flamme und hebt dann den Blick zum Himmel. Seine Lippen bewegen sich. Aber Ilan Alhour bleibt still.
2026.1.1 «Frau auf Schulter einer anderen schwenkte Wunderkerzen»
Inferno in Crans-Montana VS – Chronologie einer Katastrophe
«Frau auf Schulter einer anderen schwenkte Wunderkerzen»
Das Inferno von Crans-Montana erschüttert die Schweiz und die Welt. Über 40 Tote und 115 Verletzte nach einem Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana. Blick rekonstruiert die Todesnacht mit allen offiziellen Angaben und Augenzeugenberichten.

Foto: Screenshot X
Das Inferno in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS wird als eine der grössten Schweizer Tragödien in die Geschichte eingehen. Über 40 Menschen verloren beim Brand in der Silvesternacht ihr Leben, rund 115 wurden grösstenteils schwer verletzt.
Wie genau es dazu kommen konnte, wird aktuell untersucht, Details sind bisher nicht offiziell bekannt. Durch Zeugenaussagen und Informationen der Behörden, lässt sich ein Teil der tragischen Nacht aber rekonstruieren.
Es hätte eine sorglose und unvergessliche Party in der Luxusdestination Crans-Montana werden sollen. In der Bar «Le Constellation» drängen sich Hunderte von Menschen aus aller Welt und lassen das alte Jahr ausklingen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Leute tanzen, es wird literweise Champagner getrunken. Doch irgendwann zwischen Mitternacht und 1.30 Uhr kommt es zur Tragödie.
Laut mehreren Augenzeugenberichten setzen eine oder mehrere Wunderkerzen die Decke nach Mitternacht in Brand. Handy-Videos und -Bilder, die nach der Tragödie auftauchten, stützen diese Aussage.
«Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen»
Die beiden Schweizer Nathan (19) und Axel (19) sind nach eigenen Angaben mit Kollegen im Untergeschoss der Bar, als der Brand plötzlich ausbricht. Nathan erzählt: «Eine Frau sass auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.» Sie habe diese so hoch geschwenkt, dass sie die Decke berührt hätten und diese plötzlich Feuer fing.
In einem Werbevideo der Bar sind genau solche Wunderkerzen zu sehen. Die Brandursache ist von offizieller Seite her noch nicht geklärt.
Plötzlich bricht Panik aus: «Alle wollten daraufhin raus, aber es gab einen Stau vor der Treppe», sagt Axel. Den beiden gelingt die Flucht, weil sie ein Fenster mithilfe eines Tisches einschlagen, wie sie sagen.
Das Feuer breitet sich danach rasant aus. Es kommt zu einem sogenannten «Flashover», ein sich schlagartig ausbreitendes Feuer. Innert Minuten steht die gesamte Bar in Vollbrand. Später sei es gemäss Zeugenaussagen auch zu Explosionen gekommen.
«Viele sehr junge Menschen flohen aus der Bar»
Um 1:30 Uhr wird die Polizei alarmiert. Nur wenige Minuten später stehen die ersten Einsatzkräfte vor der Bar. Der Ersthelfer Léandre (32) aus Crans-Montana beschreibt schreckliche Szenen: «Ich war eine der ersten Personen vor Ort. Viele sehr junge Menschen flohen aus der Bar. Wir zogen diejenigen heraus, die noch bei Bewusstsein waren, es war ein riesiges Chaos!» Er versuchte, so gut wie möglich zu helfen, doch die Menschen verbrannten bei lebendigem Leibe.
Laut dem Augenzeugen Rayan Guiren (18) aus London seien Dutzende Menschen mit verbrannten Gesichtern vor der Bar gelegen. Besonders tragisch: «Es handelte sich wohl um eine Party speziell für Jugendliche. Viele Eltern kamen und suchten nach ihren Kindern.»
Auch Augenzeuge Samuel Rapp (21) bestätigt: «Normalerweise sind dort sehr junge Leute zwischen 16 und 18 Jahren unterwegs. Eine Kellnerin, die ich von früher kenne, soll auch gestorben sein.»
Um 4:14 Uhr wird eine Helpline eingerichtet, gegen 5 Uhr sind alle Verletzten versorgt.
Der Lösch- und Rettungseinsatz dauert bis in die frühen Morgenstunden des 1. Januar, wie Blick-Reporter Martin Meul berichtet: «Ich wurde auf dem Hinweg von mehreren Ambulanzen aus verschiedenen Kantonen überholt.»
Am Donnerstagvormittag ist die Brandursache noch nicht geklärt. Die zuständigen Behörden geben aber bei einer ersten Pressekonferenz kurz nach 10 Uhr in einem Punkt Entwarnung: Es war kein terroristischer Angriff.
Die Zahlen zu den Rettungsmassnahmen verdeutlichen die Dramatik des Infernos: 30 Gendarmen, 60 Inspektoren, 70 Feuerwehrleute und etwa 150 Sanitäter standen im Einsatz, unterstützt von 42 Ambulanzen und 13 Helikoptern, wie die Walliser Polizei schreibt. 80 Personen wurden mit Helikoptern und Krankenwagen in Spitäler gebracht, 35 Personen konnten sich selber in die Pflege begeben. Alle 115 Verletzten befinden sich aktuell noch in der Schweiz, jedoch ist eine Verlegung etwa nach Italien möglich.
Die Strasse bleibt den ganzen Tag abgesperrt. Menschentrauben bilden sich vor der Absperrung.
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«Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte dieses Landes.»
Guy Parmelin an seinem ersten Tag als Bundespräsident
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Gegen 15:30 Uhr trifft Bundespräsident Guy Parmelin in Crans-Montana ein, um sich ein Bild von der Katastrophe zu machen. Zwei Stunden später steht er der Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz Rede und Antwort: «Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte dieses Landes.» Die Flaggen am Bundeshaus werden aufgrund des Infernos fünf Tage lang auf Halbmast gesetzt.
Die Opfer stammen aus aller Welt. Gesichert ist, dass ausser Schweizern auch Franzosen und Italiener zu den Opfern gehörten. Das jüngste, bisher bekannte Opfer sei 16 Jahre alt. Die Schweizer Behörden arbeiten zusammen mit den Amtskollegen in Europa.
Zu den Ursachen und Verantwortlichen können die Behörden am 1. Januar noch keine Angaben machen: «Es gibt keine Verdächtigen», sagt Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud. Es sei auch noch niemand verhaftet worden. Es gehe eher darum, den Brandhergang zu ermitteln. «Das Drama ist erst ein paar Stunden her.» Es sei noch zu früh, um detaillierte Fragen zum Brandschutz und zum Hergang zu beantworten.
2026.1.1 «Eines der dramatischsten Ereignisse in der Geschichte des Landes»
In einer Bar in Crans-Montana sterben rund 40 Menschen, 115 werden verletzt. Ein Feuer ist wohl die Ursache. Der Bundesrat Guy Parmelin versucht an Ort zu trösten.

«Heute ist die Schweiz traurig.» Diese Worte hat Bundespräsident Guy Parmelin am Neujahrsabend an die Öffentlichkeit gerichtet. Statt die traditionelle Neujahrsansprache zu halten, ist er ins Wallis gereist, um sein Mitgefühl mit den Familien und Angehörigen der Opfer des Brandes in Crans-Montana auszudrücken.
Beim Unglück in der Silvesternacht handelt es sich wohl um eine der grössten Brandkatastrophen, welche die Schweiz je erlebt hat. Bundespräsident Guy Parmelin sprach von «einem der dramatischsten Ereignisse in der Geschichte des Landes».
Nachdem die Walliser Behörden bereits am Neujahrsmorgen vor die Medien getreten waren, hielten sie am Abend eine zweite Pressekonferenz ab.
Dieses Mal konnten sie genauere Zahlen zu den Opfern nennen: Rund 40 Personen sind beim Feuer in der Bar «Le Constellation» verstorben, 115 Personen wurden verletzt – viele von ihnen schwer, wie der Walliser Polizeichef Frédéric Gisler sagte. 60 Personen liegen im Spital in Sitten, weitere in anderen Spitälern, insbesondere in Lausanne, dessen Spital auf Brandverletzungen spezialisiert ist. Aber auch Genf und Zürich behandeln Patienten aus dem Wallis.
Identifizierung dauert
Bundespräsident Parmelin hob das jugendliche Alter vieler Opfer hervor, die am Abend zum Feiern in die Bar gegangen waren. Man sei es ihnen schuldig, dass die Vorgänge rund um den Grossbrand sorgfältig untersucht würden. «Wir sind uns einig, dass solche Dramen in Zukunft verhindert werden müssen», sagte Parmelin.
Der Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard hatte am Nachmittag mit Familien gesprochen, die um ihre Angehörigen bangen und auf Informationen warten. «Die Ungewissheit ist furchtbar für die Menschen», sagte Reynard, leider werde die Identifizierung der Leichen, aber auch der Verletzten noch einige Zeit dauern.
Bei einigen der Opfer dürfte es sich um ausländische Touristen handeln. Die Behörden wollten sich jedoch noch nicht genauer zur Staatsangehörigkeit der Opfer äussern. Sie habe grobe Zahlen, sagte Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud. Doch man solle sie zuerst ihre Arbeit machen lassen: «Als Erstes wollen wir uns bei den betroffenen Familien melden.»
Italienische Medien hatten zuvor berichtet, unter den Opfern seien sechzehn Italienerinnen und Italiener. Auch zwei französische Staatsangehörige sollen gestorben sein.
Am Nachmittag hatte sich eine Gruppe der israelischen Freiwilligenorganisation Zaka auf den Weg in die Schweiz gemacht, wie einer ihrer Sprecher gegenüber der NZZ sagte.
Die jüdisch-orthodoxe Organisation kommt bei Terroranschlägen zum Einsatz und ist darauf spezialisiert, nach Explosionen Leichenteile zu bergen und zu identifizieren. «Wir suchen nach drei jüdischen Vermissten in der Schweiz, aber wir bieten unsere Hilfe selbstverständlich für die Bergung von allen Opfern an», sagt der Sprecher.
Den letzten Einsatz im Ausland hatte Zaka in Australien während des Bondi-Beach-Massakers Mitte Dezember 2025.
Polizei schliesst Terrorangriff aus
Einen Terrorangriff schliessen die Behörden in Crans-Montana aus. Die Brandursache ist allerdings noch unbekannt, Verdächtige gibt es noch keine. Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud sagte, man ermittle in verschiedene Richtungen und habe mehrere Hypothesen. Die wahrscheinlichste sei, dass der ganze Raum Feuer gefangen habe und es dann zu einer Explosion gekommen sei. Laut Pilloud werden jetzt verschiedene Handys ausgewertet, die im Lokal gefunden worden sind.
Gemäss dem Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer ist es zu einem sogenannten Flashover gekommen. Damit ist der plötzliche Übergang von einem entstehenden Brand zu einem Vollbrand gemeint. Dabei entzünden sich alle brennbaren Oberflächen in einem Raum schlagartig.
Im Verlauf des Tages hatten mehrere Medien spekuliert, das Feuer sei durch pyrotechnisches Material ausgelöst worden. Ein Augenzeuge berichtete gegenüber «24 heures», dass Feuerwerkskörper an Champagnerflaschen das Feuer an der Decke ausgelöst hätten. Panik habe dazu geführt, dass sich eine Menschenmenge über die Treppe ins Untergeschoss gedrängt habe.
Auch der lokale Radiosender Rhône FM berichtete über Feuerwerk als mögliche Brandursache und berief sich dabei auf Zeugen. Gemäss einem Beitrag eines französischen Fernsehsenders soll es sich um eine «Wunderkerze» gehandelt haben. In einem Video der Walliser Tageszeitung «Le Nouvelliste» ist zu sehen, wie die Decke des Lokals brennt und Gäste in Panik geraten.
Pilloud wollte Berichte oder Gerüchte nicht bestätigen, dafür sei es noch zu früh. Auch zur Frage, ob die Barbetreiber alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten haben, wollte sich die Generalstaatsanwältin nicht äussern, solange die Untersuchungen laufen. Nach Informationen der Zeitung «Le Nouvelliste» existiert im unteren Bereich der Bar «Le Constellation» ein Notausgang.
Die Walliser Behörden werden bei ihren Ermittlungen vom Forensischen Institut Zürich unterstützt. Um alle nötigen Mittel mobilisieren zu können, hatte die Regierung bereits am Morgen eine «besondere Lage» ausgerufen.
Der Polizeichef Frédéric Gisler rekonstruierte am Abend noch einmal die Ereignisse der Silvesternacht. Gegen 1 Uhr 30 sei ein Polizeinotruf eingegangen. In der Bar «Le Constellation» war Rauch festgestellt worden. Das Lokal hat Platz für 300 Personen, abends gab es unter anderem Cocktails. Die Bar hatte einen Shisha-Bereich und vierzehn Bildschirme, auf denen Sportereignisse übertragen wurden, wie es auf der Website von Crans-Montana Tourismus heisst.
Polizei und Feuerwehr rückten aus. Der Bereich rund um die Bar wurde vollständig abgesperrt, über Crans-Montana wurde ein Flugverbot verhängt.
Angesichts des Ausmasses der Katastrophe waren 13 Helikopter, 40 Ambulanzen und 150 Rettungskräfte im Einsatz. Auch psychologische Betreuungsangebote werden geschaffen, um Familien zu unterstützen und Informationen bereitzustellen.
Der Walliser Regierungspräsident Mathias Reynard appellierte mehrmals an die Bevölkerung und bat sie, das Unglücksgebiet zu meiden, sich vorsichtig zu verhalten und keine weiteren Unfälle zu provozieren. Generalstaatsanwältin Pilloud bat die Medien, bei ihrer Berichterstattung Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer zu nehmen und ihre Privatsphäre zu wahren.
Trotz dem Unglück sprach Reynard auch von einem Licht. Er würdigte die Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte wie Polizei, Feuerwehr und Spitalpersonal und dankte den Spitälern in anderen Kantonen, die Patienten aufgenommen haben.
Bundespräsident Parmelin dankte auch ausländischen Regierungen für ihre Solidarität. Er habe mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron telefoniert. Es sei unter anderem um die medizinische Behandlung der Überlebenden gegangen. Man brauche spezialisiertes Wissen, erklärte Parmelin. Etwa bei Verbrennungen und Schwierigkeiten beim Atmen. «Wir stehen deshalb in Kontakt mit ausländischen Regierungen.»
Auch Italien hat Hilfe angeboten. Zivilschutzangehörige aus dem Aostatal und der Lombardei stünden im Einsatz, um zu helfen, schrieb Aussenminister Antonio Tajani auf der Plattform X. Ausserdem sei das Verbrennungszentrum Niguarda zur Verfügung gestellt worden. Ausländische Medien berichteten über das Unglück, darunter die «New York Times».
Crans-Montana ist ein Skigebiet mit mondänem Chic und eine der bekanntesten Destinationen sowohl der Schweiz als auch des frankofonen Alpenraums. Die Gemeinde umfasst mehrere Dörfer und hat insgesamt 15 000 Einwohner. Sie liegt auf 1500 Metern auf einem weiten Hochplateau oberhalb des Städtchens Siders und ist durch verschiedene Zufahrtsstrassen von Siders oder der Kantonshauptstadt Sitten zu erreichen.
Seinen Ursprung als Tourismusort hat Crans-Montana um 1890, als die ersten Hotels und Sanatorien eröffnet wurden. Heute hat das Gebiet 35 Hotels, von denen die Mehrzahl im gehobenen Segment ist, sowie 130 Restaurants und Bars. Im Winter gibt es 140 Kilometer Pisten, inklusive einer einzigartigen Aussicht über das Rhonetal. Pro Jahr kommen rund 3 Millionen Gäste nach Crans-Montana.
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